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„Die Zukunft braucht Kohlenstoff – aber keinen fossilen: Warum Defossilisierung der Schlüssel zur Transformation ist“

Was würde von unserem Alltag übrigbleiben, wenn wir vollständig Dekarbonisieren? Überraschend wenig. Betroffen wären nicht nur Tankstellen und Heizungen. Auch Medikamente, Kunststoffe, Farben, Kosmetik, Dämmstoffe, Kleidung und unzählige Alltagsprodukte müssten neu gedacht werden.

Genau hier lohnt sich ein genauerer Blick. Beschreibt der Begriff Dekarbonisierung überhaupt die eigentliche Herausforderung? Immer mehr Fachleute vertreten die Ansicht, dass nicht der Kohlenstoff das Problem ist, sondern seine fossile Herkunft. Deshalb gewinnt ein anderer Begriff an Bedeutung: Defossilisierung. Er beschreibt den schrittweisen Ausstieg aus Erdöl, Erdgas und Kohle – und lenkt den Blick auf die eigentliche Aufgabe der Transformation.

Der Unterschied ist auf den ersten Blick klein, inhaltlich jedoch entscheidend. Kohlenstoff ist nicht grundsätzlich das Problem. Er ist die Grundlage allen Lebens und Bestandteil nahezu aller organischen Stoffe. Entscheidend ist vielmehr, woher dieser Kohlenstoff stammt. Fossiler Kohlenstoff, der über Millionen Jahre in Erdöl, Erdgas oder Kohle gespeichert wurde, gelangt durch seine Nutzung zusätzlich in die Atmosphäre. Biogener oder recycelter Kohlenstoff hingegen bleibt Teil eines natürlichen oder technischen Kreislaufs.

Genau hier setzt der Begriff Defossilisierung an. Er beschreibt den schrittweisen Ausstieg aus fossilen Energieträgern und Rohstoffen und ihren Ersatz durch erneuerbare Energiequellen sowie zirkuläre Materialien. Damit wird deutlich, dass die Transformation weit über die Energieerzeugung hinausgeht. Sie betrifft Industrie, Mobilität, Gebäude, Landwirtschaft und die gesamte Wertschöpfungskette.

Ein Blick auf die Industrie macht den Unterschied besonders deutlich. Ein Kunststoff muss nicht zwangsläufig aus Erdöl hergestellt werden. Er kann künftig aus nachwachsenden Rohstoffen, aus recyceltem Kohlenstoff und auf Basis von CO2 entstehen. Das Produkt enthält weiterhin Kohlenstoff – aber keinen fossilen. Von einer vollständigen Dekarbonisierung könnte man hier kaum sprechen. Sehr wohl jedoch von einer erfolgreichen Defossilisierung. Szenarien zufolge steigt der weltweite Kohlenstoffbedarf für Chemikalien und deren Produkte daraus sogar weiter an. Diesen Bedarf weiterhin aus fossilen Quellen zu decken, wäre eine schlechte Option.

Vergleicht man in der Grafik den linken mit dem rechten Balken, wird die Dimension der Transformationsaufgabe deutlich. Der künftig weiter steigende Bedarf an Kohlenstoff kann langfristig nur gedeckt werden, wenn fossile Quellen konsequent durch biogene Rohstoffe und recycelten Kohlenstoff ersetzt werden. Damit gewinnen nachhaltige Biomassenutzung, fortschrittliche Recycling- und CCU-Technologien[1] und geschlossene Kohlenstoffkreisläufe erheblich an Bedeutung.

Gleichzeitig eröffnen sich neue Chancen für regionale Wertschöpfung, Ressourcensicherheit und Innovation – zentrale Bausteine einer erfolgreichen Defossilisierung. Als BioBASE erleben wir oft, dass die branchenübergreifende Kooperation noch ausbaufähig ist. Daher treiben wir Information und Zusammenarbeit voran, um verfügbare (regionale) Ressourcen mit technologischem Know-how und etablierten Produktionsstandorten zu verknüpfen und so eine österreichische bzw. europäische Versorgung mit nachhaltigen Produkten zu stärken.

Auch im Energiesektor verändert sich die Perspektive. Es reicht nicht, Emissionen zu reduzieren. Ziel ist es, fossile Energieträger vollständig durch erneuerbare Alternativen zu ersetzen. Sonnenenergie, Windkraft, Wasserkraft, Geothermie und nachhaltig erzeugter Wasserstoff stehen dabei für ein Energiesystem, das ohne Erdöl, Erdgas und Kohle auskommt.

Sprache prägt unser Denken. Begriffe entscheiden darüber, wie wir Herausforderungen verstehen und Lösungen entwickeln. Während sich Dekarbonisierung längst als internationaler Fachbegriff etabliert hat, lenkt Defossilisierung den Blick auf die eigentliche Ursache vieler Probleme: unsere Abhängigkeit von fossilen Ressourcen.

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, die Diskussion neu zu führen. Nicht der Kohlenstoff muss aus unserem Leben verschwinden. Wohl aber die fossilen Quellen, aus denen wir ihn seit Generationen beziehen.

Die Transformation unserer Wirtschaft wird nicht daran gemessen werden, wie oft wir von Dekarbonisierung sprechen. Entscheidend wird sein, wie konsequent wir den Weg in eine defossilisierte Zukunft beschreiten – eine Zukunft, in der Energie und Rohstoffe im Kreislauf geführt werden und fossile Ressourcen Schritt für Schritt der Vergangenheit angehören. Das führt zur Frage: Über welche Ressourcen verfügen wir, um nachhaltig zu wirtschaften – im Einklang mit ökonomischer Tragfähigkeit, ökologischen Grenzen und sozialer Gerechtigkeit?

Einen Fokus sehen wir in regional verfügbaren Ressourcen, denn durchdachte Wertschöpfungsketten stärken nicht nur die Versorgungssicherheit, sondern schaffen zugleich ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Mehrwerte. So wird Defossilisierung zu einem Leitbild, das Klimaschutz, Ressourcensicherheit und regionale Entwicklung miteinander verbindet.


[1] CCU steht für Carbon Capture and Utilization und beschreibt damit die Abscheidung und Nutzung von CO2 als Rohstoff.


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